Buildings

Stadthaus

018 

Neubau Verwaltungsgebäude mit Stadtratsaal, Stadt Biel, 2009
Offener Projektwettbewerb, mit Gschwind Architekten

Stadthaus_Fassade.jpgStadthaus_Axo-Programm.jpgStadthaus_Strukturmodell.jpgStadthaus_struktur.jpgStadthaus_modell.jpg
Everything that appears in public can be seen and heard by everybody. Appearence – something that is being seen and heard by others as well as by ourselves – constitutes reality.
Hanna Arendt, The human Condition, 1958

Plinthe - Öffentlichkeit - Stadt
Die außerordentlich prominente und zentrumsnahe Lage des ehemaligen Gaswerkareals in unmittelbarer Nähe zum Kongresshausbau von Max Schlup sowie die ausgeprägte Relation öffentlicher Bau - öffentlicher Platz setzen die konzeptionellen Parameter für den Entwurf. Der Neubau für das Verwaltungsgebäude wird als ein im Ausdruck kräftiger, eigenständiger Baukörper gestaltet, welcher in erster Linie ein vielfältiges Vokabular an Öffentlichkeit demonstrieren soll. Dieses Vokabular definiert primär über die architektonische Ausformulierung des Erdgeschosses die Beziehung des Gebäudevolumens zum öffentlichen Raum und dem vorgelagerten neuen Platz ‚Esplanade': Das auf kräftigen Stützen stehende, fünfgeschossige Volumen ermöglicht die Ausformulierung eines allseitig transparenten Erdgeschosses, welches eine ausgeprägte Öffentlichkeit ausstrahlt. Diese einladende Geste wird zusätzlich überhöht, indem der gesamte Verwaltungsneubau auf einem 50cm hohen sockelartigen Bereich angeordnet wird, welcher den Komplex gleichsam in der ausgedehnten Fläche des ehemaligen Gaswerkareales und somit dem stadträumlichen Kontext verankert. Ähnlich einem Podium, welches durch das leichte Anheben des Niveaus die politische Bedeutung eines Ortes manifestiert, in welchem kontroverse Positionen konfrontiert und ausgehandelt werden, erlangt der Sockel eine repräsentative Bedeutung und wird somit gleichsam zu einer Art ‚bespielbaren Bühne' welche das öffentliche und politische Leben zugleich vorführen kann. In ähnlicher Manier wie der Sockel das Gebäude mit seinen öffentlichen Funktionen im Stadtraum exponiert, erlaubt der Sockel vice versa, den Stadtraum vom Podium ‚aus distanziertem Blick' zu betrachten, eine Wechselwirkung von Sehen und gesehen werden welche schließlich wiederum eine Relation schafft zwischen Stadt, öffentlichem Raum, und Subjekt, oder mit den Worten Roland Barthes formuliert: „ein Objekt das sieht, ein Blick, der gesehen wird“.

Organisation - Nutzung
Die öffentlichen Zugänge für Bevölkerung und Besucher zu Foyer, Stadtbüro und Cafeteria im Erdgeschoss erfolgen jeweils über den Sockel auf der der Esplanade zugewandten Seite, während die Zugänge zum Verwaltungsbereich über die Silbergasse direkt an die beiden peripheren Kerne angeschlossen sind. Der mit zwei Aufzügen ausgestattete mittlere Kern bildet zusammen mit einer grosszügigen Wendeltreppe die öffentliche Vertikalerschließung welche bis in das erste Obergeschoss reicht und somit den Stadtratssaal mit den Zuschauerbereichen erschließt. Um den Sicherheitsanforderungen zu entsprechen, führt ab dem ersten Obergeschoss eine kleinere, außerhalb der Büröffnungszeiten abschließbare Wendeltreppe in die oberen Etagen.

Struktur - Raum - Ausdruck
Für die oberen Geschosse mit den Verwaltungsnutzungen sowie Stadtratssaal wird - basierend auf den baugesetzlichen Rahmenbedingungen (Baulinie mit Anbaupflicht) - ein 98 Meter langer und 18 Meter breiter stützenfreier Raum vorgeschlagen: Der Verbund von 36 T-förmigen vorfabrizierten Spannbetonträgern je Geschoss bildet zusammen mit den an den Fassaden liegenden Stützen mit jeweils einem Achsabstand von 2.70m eine strukturelle Ordnung, welche den Büroräumen einen stark prägenden Charakter verleiht. Der geforderten Flexibilität wird mit einer räumlichen und strukturellen Kohärenz entsprochen, welche eine Art offene Raumlandschaft vorschlägt, die primär durch die Tektonik des Tragsystems akzentuiert wird. Das serielle Struktursystem wird hier in seiner ‚archaischen Logik' von Tragen, Lasten und Fügen selber zum essentiellen und permanenten Gestaltungselement des Gebäudes, insbesondere der innenräumlichen Charakteristika der Bürogeschosse, welche auf vielfältige Art mit dem ‚Temporären', den Büronutzungen okkupiert werden können.
In diesem Sinne versteht sich auch der Stadtratssaal als Funktion welche den stützenfreien Raum besetzt, ohne dass sich dieser nach Außen abbilden muss. Eine überdimensionale zehn Meter durchmessende kreisrunde Aussparung in der darüberliegenden Decke gibt dem Stadtratsaal gleichwohl eine seiner legislativen Bedeutung angemessene Form; mittels Randverstärkung und von den angrenzenden T-Trägern ringförmig geführten Spannkabeln entsteht ein geschlossenes statisches System, welches als einfache Auswechslung im Rippensystem wirkt.
Für die Fassade wird ein einfaches System aus vertikalen Lisenen sowie die Horizontalität betonende Stirnverkleidungen in Metall vorgeschlagen, welches einerseits die Geschossigkeit sowie andererseits die möglichen Büroeinteilungen (1.35m Raster) auf selbstverständliche Weise akzentuiert. Um der Bedeutung des neuen Verwaltungsbaus als öffentlicher Bau gerecht zu werden, wird zu dessen Repräsentation, Erkennbarkeit und Identitätsstiftung ein die Fassadenstruktur überlagerndes, überdimensionales Motiv vorgeschlagen, welches auf entlang der Fassadeninnenseite angebrachten, transparenten und beweglichen Textil-Screens (Tagesvorhänge) appliziert wird. Das Vokabular des öffentlichen Baus – Sockel und Ausformulierung des Erdgeschosses - wird um ein drittes Element ergänzt, welches unabhängig von der Gebäudestruktur gestaltet werden kann. Stellvertretend für diese künstlerische Intervention im öffentlichen Raum steht das Motiv der Hand als Geste der Öffentlichkeit, ein Zeichen des Einladens und Entgegenkommens, des politischen Handelns; ein Motiv mit vielschichtigen Bedeutungsebenen welches dem neuen Verwaltungsgebäude der Stadt Biel einen angemessenen und einprägsamen Charakter verleihen soll.

Tragwerk:
Ulaga Partner Bauingenieure, Basel

Energie:
Todt Gmür + Partner AG, Zürich


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